IMMER
DRAUF
ãMitten
im AchtenÒ vs. die ãStandard-ForumkulturÒ.
NatŸrlich setze ich
mich mit diesem Posting dem gebŸndelten Volkszorn aus (alleine ob seiner LŠnge),
aber ich will noch einmal einen moderierenden GesprŠchsbeitrag in diesem Forum
lesen, auch wenn ich ihn dafŸr selber schreiben muss.
Da sind
wir also.
Das
Urteil ist gesprochen. Im Kurier gibt es - vor Ablauf der ersten Woche - eine
Leserbefragung, ob Mitten im Achten abgesetzt werden soll ... die Verlockung
muss gro§ sein, wenn sich Ÿber 84% der Stimmgeber gegen das Format entscheiden.
Nach der RechtmЧigkeit oder Unzeitigkeit der Frage bellt kein Hahn.
Ich
habe mich immer wieder gewehrt gegen šsterreichische Verallgemeinerungen, und
die gedroschenen Phrasen von den ewigen Nšrglern und der grantelnden
SesselbeinsŠgern. Dann wirft man aber einen Blick in die jŸngere
Kulturgeschichte, und folgt dem Medien- und davon nicht unbeeinflussten
Publikumsecho der Neubeginne von Josefstadtintendant Gratzer selig, oder
Volkstheaterdirektor Schottenberg, oder ORF-Chef Wrabetz, und ein Muster lŠsst
sich auch vom freundlichsten Beobachter nicht mehr leugnen:
Man darf
nichts versuchen, bei uns.
Es ist
nicht erlaubt. Die, die es an entscheidende Positionen gebracht haben, sind
*automatisch* Halsabschneider, Protektionskinder oder weniger qualifiziert als
der dritte 14-jŠhrige Forumsposter von links. Jeder wei§ alles besser, jeder
ist ein Experte, nichts was irgendjemand macht, ist eine Kunst, alles was sich
jemand hart erarbeitet hat, "haben's ihm hint einegschoben". Das geht
soweit, dass sich laut ForumsbeitrŠgen im noblen Standard sŠmtliche
šsterreichischen Jungschauspielerinnen "nach oben gebumst" hŠtten. Ob
die Polemik hinter dieser Nichtdiskussion aus der enthemmten Forenkultur
erwŠchst, und sich die inhŠrente HŠsslichkeit aufgrund der eskalationsfreudigen
find-ich-auch-aber-noch-viel-schlimmer GesprŠchsmechanik selbst potenzieren
muss, bis jede reale Meinung von Phrasen nach Phrasen Ÿberschrieben worden ist,
oder ob alle eigentlich immer schon so schei§e waren, kann ich nicht mehr
auseinander dividieren. Die angeblich intelligenzbegabten Standardleser werden
aber die Grausligkeit ihrer DiskussionsbeitrŠge in ihrer gesammelten Masse nur
schwerlich bestreiten kšnnen.
Dass
die allfŠlligen Fehlleistungen der angefŸhrten Abschussopfer zum Teil gar nicht
bestritten werden kšnnen - und als Basis einer zivilisierten Kritikkultur auch
nicht mŸssten - macht diesen inversen Meinungsfaschismus nicht weniger
unappetitlich.
NatŸrlich
bietet Mitten im Achten mehrere AngriffsflŠchen fŸr die Pawlowschen
Abwehrreaktionen. Die Frage lautet, ob man es nicht seiner eigenen MenschenwŸrde
schuldet, diese Kotzimpulse vorzufiltern, bevor man sie zu den Anderen auf den
gro§en Haufen bršckelt. Hat man damit etwas Neues gesagt? Ist man dann im Klub
derer, die es besser wissen, und immer schon gewusst haben? Aber das sind
Fragen fŸr spŠter.
Die
Kritikpunkte, wo sie aus der farbenfrohen "Millionen Im
Arsch"-Polemik herausgefiltert werden kšnnen:
(Ur)
schlechte Schauspieler.
(Ur)
schlecht geschrieben.
(Ur)
schiache Kameraeinstellungen/Schnitte/Licht (es gibt viele Filmschaffende im
Forum).
(Ur)
viel Produktplacements.
(Ur)
viele Prominentenkinder.
(Ur)
billig.
(Uuur)
teuer!
Unlustig.
Will zu
lustig sein.
Zu
wienerisch.
Zu
wenig wienerisch.
Da
braucht ma Untertitel.
Wen
interessiert der achte Bezirk?
Und so
viele mehr ...
Der
Umgang mit den Leistungen der Schauspieler - die an den Drehtagen von sieben
bis Neunzehn Uhr, und oft noch mehrere Stunden lŠnger, im Studio sind, die
jeden Tag eine komplette Episode abdrehen mŸssen, die gerade mal zwei Versuche
pro Einstellung haben, bevor sie sich von euch in der Luft zerfleischen lassen
mŸssen - ist besonders brutal. Wer die Produktionsbedingungen in irgendeinem
anderen Medium kennt, wŸrde niemals so generalistische Kritik Ÿben. Bevor man
den ersten Tanzschritt gemacht hat, ist es auch leicht, jede Choreographie als
deppates Gehupfe abzutun. Wie viel Arbeit dahinter steht, und wie sehr man
innerhalb dieses Mediums erst nach sehr viel Routine Kontrolle Ÿber seine
eigenen Ergebnisse bekommen kann, wird nicht hinterfragt. Einfach mit Freude
draufgetreten. Easy targets. Weil Fehler passieren, und passieren mŸssen. Weil
auch die Besetzung nicht konsistent gut ist. Aber ich selbst habe nur einen
Darsteller im Visier, der den AnsprŸchen der Aufgabe nicht gerecht werden kann
(und nein, es ist nicht der sehr gut besetzte Herr Rudle).
NatŸrlich
macht sich die Serie durch einen Ausfall in jedem der angegriffenen Ressorts
angreifbar. Aber weil nicht alle Schauspieler gut sind, lautet der
Umkehrschluss nicht, alle Schauspieler sind nicht gut! Ich finde, was im Rahmen
des Ÿberhaupt noch umsetzbaren mšglich gemacht werden konnte, ist erstaunlich,
und sie kšnnen und sollen stolz sein.
Ur
schlecht geschrieben ist es nicht. Punkt. Es hat einen rotzigen,
individualistischen Ton, mit einigen Gags, die nicht anspringen, und einigen,
deren Prinzip man schon mal frŸher begegnet ist. Aber so ist das. Es gibt eine
beschrŠnkte Anzahl von komischen Grundsituationen. Wir sind in unserem
Konsumentenleben schon so viel Humor begegnet, dass nicht jeder Witz die Welt
neu erfinden kann. Vor allem ist die Palette durch die Form, die Figuren, das
"Milieu", und auch das breite Publikum eingeschrŠnkt. Man kann keinen
komplett entrŸckten Monty Pythons Humor einbringen, man kann nicht
tagespolitisch sein, man kann nicht in einer Folge sein gesamtes
dramaturgisches Pulver verschie§en (die Mama erwŸrgt den Papa, weil sie ihn fŸr
einen Einbrecher hŠlt, die Tšchter werden lesbisch und brennen in die Karibik
durch, die Barfly grŸndet eine MilitŠr-Junta und stŸrzt die Regierung, die
Kellnerin heiratet einen Lipizzaner, usw.).
Das
Ding hat ein Vokabular, und mit dem wird konsequent gearbeitet, und das
Potential der komischen Situationen (meines Wissens) mit gesundem Freiraum fŸr
die einzelnen Autoren ausgelotet. NatŸrlich gibt es eine Messlatte. NatŸrlich
ist Friends besser ausbalanciert (aber man betrachte, dass selbst Friends in
der Synchronisation so gut wie krepiert), natŸrlich Seinfeld freier und weniger
rezepthaft, oder Six Feet Under aufwŠndiger produziert. Wenn man sich nun aber
vor Augen fŸhrt, dass Viele selbst im Standard-Forum weder Seinfeld noch
Friends ausstehen kšnnen, und dass das unglaubliche Six Feet Under ein
Quotendesaster war, so stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit solcher
Vergleiche - auch und besonders aufgrund der komplett unterschiedlichen
Produktionsmethode von Mitten im Achten. Dass die alle auch nicht fŸnf Folgen
pro Woche schreiben mŸssen, sollte fairerweise in die Vehemenz der Kritik
einflie§en dŸrfen.
Die
Productplacements. Ach, die Productplacements! Da wollte man seiner
Informationspflicht nachkommen, und alle Informationen offenlegen, die im
Vergleichsfall bei anderen Serien keine Sau zu hšren kriegt, und schon wird aus
einem Chipspackerl in einem Wohnzimmer ein Freibrief, die ganze Serie als Dauerwerbesendung
zu bezeichnen. Unglaublich, und andererseits unglaublich berechenbar, wie sehr
selbst das nichtigste Argument (man nenne mir eine einzige der vielgerŸhmten
Amerikanischen Serien, oder meinetwegen einen Film, in denen nicht in
identischem Ma§e Produkte aus der heutigen Warenwelt vorkommen, ohne dass sich
je ein Einziger gestšrt gefŸhlt hat) instrumentalisiert wird, um eine
Produktion, die diese Medienfolter nicht verdient hat, breit grinsend
kaputtzuschreiben.
Und die
Prominentenkinder! Die wirklich sehr gute Nicola Rudle, die beim Casting war,
und besser war als Andere, die ein GlŸcksgriff ist, die spielen kann ... wie
wŠre euch geholfen, wenn die einen anderen Vater hŠtte? Warum wŠre das besser?
In den USA wŠre sowas schšn, die Medien wŸrden sich einhaken, die Leute wŸrden
sich denken, mei, die Tochter kann auch was, schšn dass die zusammen spielen
kšnnen, viel authentischer, romantischer, was wei§ ich. Welche šsterreichischen
14-JŠhrigen Schauspieltalente wurden durch diesen grausamen Akt der
imaginierten Protektion ihrer Chance beraubt, in …sterreich's
Lieblings-Comedy-Soap (TM) mitspielen zu dŸrfen? Hei§t das, weil sie einen
schauspielenden Vater hat, *muss* sie schlecht sein? Wie viel grš§er sind die
Chancen, fŸr einen Beruf ein GefŸhl zu entwickeln, den man seit frŸhester
Kindheit aus nŠchster NŠhe kennengelernt hat? Ist Maria Schuchter ein
Protektionskind, weil ihre Mutter mal im Fernsehen zu sehen war? Hat diese sich
dort eingenistet, oder sich dem neuen Intendanten an den Hals geworfen,
"Mausi, magst schon mein MŠdi besetzen, gell!"?
Wie
stellt ihr euch das vor? Oder wird nichts vorgestellt? Wird einfach nur
geschrieben? In diesem basisdemokratischen Medium, in dem jeder alles schreiben
kann, hei§t denn das wirklich, dass jeder alles schreiben MUSS? Muss man
nachtreten, wenn vorher schon hundert Andere zugeschlagen haben? Muss man ein
Fu§ballrowdy sein, oder kann man reflektiert argumentieren? Wenn sich der
Standard auf die Serie eingeschossen hat, weil er der Intelligenzija eine kritische
Haltung zur PopulŠrkultur schuldig zu sein glaubt, muss sich Dieselbe
instrumentalisieren lassen, diese Charade nicht nur mitzuspielen, sondern
doppelt und dreifach einen draufzusetzen? Oder - ein Hoffnungsschimmer - ist
das Forum von niederinstinktigen Fremdkommentatoren gekapert worden, unter der
falschen Behauptung, Standard-Leser zu sein?
Was
bleibt Ÿbrig? Ein ganzes Land zertrampelt sein Ostergeschenk? Ich wei§ sehr
wohl, dass "gut gemeint" das Gegenteil von gut ist, und trotzdem ist
Mitten im Achten fŸr die …sterreicher. Nein, nicht fŸr alle. FŸr die, die eine
halbe Stunde am Tag leichte Unterhaltung nicht als Untergang der westlichen
Kultur betrachten. FŸr die, die bereit sind, etwas entstehen und wachsen zu
lassen, dessen Potenzial sie sich nicht nach 30 Sekunden bis 5 Minuten
BeschŠftigung einschŠtzen zu kšnnen erblšden. FŸr die, die eine Serie nicht
schlecht finden wollen, WEIL sie šsterreichisch ist. FŸr die, die Ÿberhaupt
eine Serie wollen.
Es gibt
sie. Ihr werdet sie zutexten. Die Presse erkennt den Spin, es ist grad cool,
MIA zu hassen, und dann wird es fŸr die Anderen eine ãguilty pleasureÒ sein
mŸssen - man schaut, aber darf es nicht zugeben. Oder man schaut wirklich
nicht, weil die kšnnen ja nicht alle unrecht haben. Und die Serie hat ja schon
in der ERSTEN WOCHE DIE H€LFTE DER ZUSCHAUER VERLOREN! Unfassbar! Es ist
wirklich schwer, sich von der Stimmung nicht anstecken zu lassen.
Krone-Schlagzeilen. Standard Feuilletons, Leserbriefe ... Haut den
Wrabetz. Warum? Weil er was probiert hat. Fernsehen kostet Geld. Dieses Format
noch gŸnstiger produzieren zu wollen, ist absurd. Aber Ÿberhaupt etwas in
…sterreich produzieren zu wollen ist absurd. Der šsterreichische Film? Er kann
nicht gut sein, er ist aus …sterreich. Haneke, genial, Albert, ambitioniert,
Harrather, Fitness, Schlagwšrter, Schlagwšrter. Wer geht in den
šsterreichischen Film? Wer will, dass es ihn gibt? Wer will eine
selbstverstŠndliche šsterreichische PopulŠrkultur, die internationale Impulse
und Formate lokal fŠrben und instrumentalisieren kann, die uns einfach nur
teilhaben lŠsst, mitspielen, ja sagen. Auch was machen. Es muss einen Anfang
geben.
Mitten
im Achten ist ein Anfang. Es wird geschlagen, weil es nicht zu gescheit und
nicht zu dumm, nicht zu kurz und nicht zu lang, nicht zu šsterreichisch und
nicht international genug ist. Wenn die SŸnde ist, zu viele Freunde gewinnen zu
wollen, und zu viele Pfeile ins Leere zu schie§en, dann wird die Kritik nicht
ohne Basis sein. Das Šndert aber nichts am Produkt, das so ist, wie es sein
will: leichte Unterhaltung, Besuch bei Freunden, Problemchen und AffŠrchen, das
Gro§e im Kleinen ... nicht schlechter als viele eingekaufte Serien, Ÿber die
man sich mokieren mag, aber die nicht nur ihr Publikum finden durften, sondern
das auch ohne die von allen Seiten verschriebene Zerstšrungswut, die Mitten im
Achten und alle, die damit zu tun haben, zu Unpersonen und Verlierern auf
Lebenszeit abzustempeln sucht. Und mit einer unglaublich hart arbeitenden,
(immer noch) hochmotivierten, liebenswerten, und wirklich talentierten
Besetzung.
Wer
nicht zuschauen will, mšge nicht zuschauen. Aber er mšge auch dem Rest der Welt
nicht erzŠhlen, dass es intellektueller und sozialer Selbstmord ist,
zuzuschauen. Sonst verkommt die eigene, hochgehaltene Meinung zu einem
populistischen Rammbock ohne individuellen Wert, eine "Ich-auch"-Maschine,
die nichts schaffen kann, aber alles verhindern.
"If
you can't say something nice", wie eine hšflichere GesprŠchskultur sich
frŸher einmal zur Regel gemacht hatte, "don't say nothing at
all."
SAM